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Mae West und Leni Riefenstahl - zwei Frauenbilder im Vergleich

Ein Special von Christoph Huber (zuerst geposted am 14.02.2001)



Ein eher zufällig zustande gekommenes Doppelprogramm im Wiener Filmmuseum präsentiert zwei der bedeutendsten Frauengestalten in der Geschichte des Films: Mae West, die Königin des Sex, und Leni Riefenstahl, die geächtete Propagandistin des NS-Regimes.


"Is that a gun in your pocket or are you just glad to see me?" - eine der klassischsten Zeilen des Hollywood-Kinos, in unzähligen Varianten in andere Filme eingegangen, ist nur einer der legendären Sätze, die aufs Konto von Mae West gehen. Die zuvor als Verfasserin von Skandaltheaterstücken berühmt gewordene Autorin und Darstellerin kannte ohnehin nur ein Thema: sich selbst. Das allerdings der Zeit schwer voraus: Als Amazone mit dem längeren Atem brachte sie durch wollüstige Gesangsnummern und das (stets die bessere Pointe beinhaltende) letzte Wort ihre männlichen Gegenüber zur Weißglut - nicht einmal (der noch junge) Cary Grant hatte eine Chance gegen den zur eindeutigen Zweideutigkeit neigenden Wortwitz der fülligen Liebhaberin. Von den frühen 30ern bis in die frühen 40er reichte die Karriere der selbsternannten Erfinderin des Wortes Sex - und ihre rührige Art war den Sittenwächtern stets ein Dorn im Auge: zahlreiche ihrer Filme wurden gekürzt (und konnten ihnen doch den sinnlichen Esprit nicht rauben) und ihr überwältigendes, lange bevor Wörter wie "Emanzipation" überhaupt filmisch in den Sinn kamen, bereits die gleichwertige Libertinage der Frau feierndes Werk ist kaum gealtert. (Sie war übrigens die einzige, die dem Gott aller Komiker, W.C. Fields, dem mürrischen, bösartigen Kleinbürger, ein Unentschieden abrang - in "My Little Chickadee", einer wildgewordenen Westernpersiflage aus dem Jahre 1939). Eine Vorstellung von der wahnwitzigen Libido der Frau, gibt das Unikum "Sextette" (1977), in dem sie - schon sichtlich gealtert, als über Achtzigjährige noch immer Zentrum der Begierden ist - etwa von Ringo Starr, Alice Cooper, Tony Curtis oder Timothy Dalton. Da sieht jeder Rentnersex alt aus.

Das Gegenteil vom selbstbestimmten Schaffen der Mae West ist ebenfalls im Februar im Filmmuseum zu sehen: Leni Riefenstahl, Schülerin des Bergfilmers Anton Fanck, legte nach ihrem mystischen Debüt "Das blaue Licht" eine wesentlich berüchtigtere Karriere vor. Als Liebkind des NS-Regimes bekam sie außerordentliche Mittel zur Verfügung gestellt, um mit "Triumph des Willens" 1935 den Reichsparteitag zu dokumentieren. Gemeinsam mit ihrer zweiteiligen Dokumentation "Olympia" über die Spiele 1936 bedeuten diese Filme eine ästhetische Zäsur: Riefenstahls Werke sind einer Verherrlichung architektonischer Massen und des Körperkults - obwohl sie bis heute behauptet, sie wären frei jeder politischen Dimension (und damit auch die Geschichtsverdrängung einer Generation repräsentiert - zu sehen in der ebenfalls gezeigte Doku Die Macht der Bilder: Leni Riefenstahl aus dem Jahre 93), sind sie tatsächlich die perfekte Repräsentation eines unmenschlichen Regimes. Strotzend vor teutonischer Pracht, dem verliebten Blick auf dem im Massenornament untergehenden Individuum, sind ihre Filme ebenso schön, wie sie leer sind: Auf das geistige Nichts, auf den Akt purer Repräsentation ausgerichtete Bollwerke. Damit sollten sie eigentlich nur noch historisch interessant sein (das sind sie zweifelsohne und das Filmmuseum präsentiert auch ihre kaum zu sehenden, kürzeren Dokumentationen "Tag des Glaubens" und "Sieg der Freiheit" sowie die seltsam manierierte Opernverfilmung "Tiefland", ihr letztes Werk aus dem Jahre 1945 - wie bei West reichte ihre wesentliche Schaffenszeit knapp über ein Jahrzehnt), aber - nicht nur bei Neonazis - hat ihre der reinen Optik zu verdankende Stilisierung mittlerweile rund um den Erdball Bewunderer gefunden. Zum Beispiel George Lucas, dessen Schlusseinstellung des ersten "Star Wars" ein direktes Zitat aus "Triumph des Willens" ist. Eine Frauengestalt wie Mae West wird man bei ihm hingegen nie finden - auch damit erzählen die beiden Retrospektiven von der jüngeren Gegenwart des Kinos.